Geschichten
Der Sprung im Krug
Eine alte chinesische Dame besass zwei grosse Krüge. Jeder hing am Ende einer Holzstange, die sie über dem Nacken trug. Einer der Krüge hatte einen Riss, der andere war in perfektem Zustand und brachte immer die ganze Ration Wasser nach Hause. Am Ende des langen Marsches vom Fluss zum Haus, hatte der Krug mit dem Riss nur noch die Hälfte Wasser. Dies geschah täglich während zweier voller Jahre und die alte Dame brachte auf einer Seite nur einen halben Krug Wasser nachhause. Der intakte Krug war sehr stolz über seine Taten und sein Werk, der gesprungene Krug jedoch schämte sich ob seiner Unvollkommenheit und war traurig. Er konnte nur die Hälfte der Arbeit bewältigen für die er geschaffen war. Nach zwei Jahren Misserfolg, oder das, was er als Misserfolg erlebte, sprach er die alte Dame an, als sie nahe beim Fluss waren: “Ich schäme mich meiner, weil der Sprung das Wasser fliessen lässt auf dem
Heimweg.“ Die alte Dame lächelte: „ Hast du bemerkt, dass es Blumen hat auf deiner Seite des Weges, und dass es auf der anderen Seite keine hat? Ich wusste immer um deinen Sprung, also habe ich Blumensamen auf deiner Seite des Weges gesät und jeden Tag beim nachhause gehen, hast du sie gegossen. Während zweier Jahre konnte ich wundervolle Blumen pflücken, um dem Tisch zu schmücken. Ohne dich, so wie du bist, hätte es die Schönheit in meinem Hause nicht gegeben.“ Chinesisches Märchen |
Geschichte vom Hammer
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie Ihren Hammer!"
Paul Watzlawick Vom Zündholz und der Kerze Es kam der Tag, da sagte das Zündholz zur Kerze: "Ich habe den Auftrag, dich anzuzünden.""Oh nein", erschrak die Kerze, "nur das nicht. Wenn ich brenne, sind meine Tage gezählt. Niemand wird meine Schönheit mehr bewundern." Das Zündholz fragte: "Aber willst du denn ein Leben lang kalt und hart bleiben, ohne zuvor gelebt zu haben?" "Aber brennen tut doch weh und zehrt an meinen Kräften", flüstert die Kerze unsicher und voller Angst. "Es ist wahr", entgegnete das Zündholz. "Aber das ist doch das Geheimnis unserer Berufung: Wir sind berufen, Licht zu sein. Was ich tun kann, ist wenig.Zünde ich dich nicht an, so verpasse ich den Sinn meines Lebens. Ich bin dafür da, Feuer zu entfachen. Du bist eine Kerze. Du sollst für andere leuchten und Wärme schenken. Alles, was du an Schmerz und Leid und Kraft hingibst, wird verwandelt in Licht. Du gehst nicht verloren, wenn du dich verzehrst. Andere werden dein Feuer weitertragen. Nur wenn du dich versagst, wirst du sterben." Da spitzte die Kerze ihren Docht und sprach voller Erwartung: "Ich bitte dich, zünde mich an!" Autor unbekannt |
Gespräch im Mutterbauch
„Sag’ mal, glaubst Du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?“ fragt der eine Zwilling.
„Ja, auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden für das, was draußen kommen wird, vorbereitet“, antwortet der andere Zwilling. „Ich glaube, das ist Blödsinn!“ sagt der erste. „Es kann kein Leben nach der Geburt geben – wie sollte das denn bitteschön aussehen?“ „So ganz weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?“ „So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz.“ „Doch, es geht bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders.“ „Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen nach der Geburt. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende, Punktum.“ „Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden, und sie wird für uns sorgen.“ „Mutter???? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?“ „Na hier – überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!“ „Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht.“ „Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt.“ Henri J. M. Nouwen |